Veränderte Rahmenbedingungen haben die Diskussion um den Wesentlichkeitsbegriff neu entfacht. Dabei rückt vor allem die Bewertung des eigenen Impacts in den Fokus der Unternehmen. Auslöser dieses Hypes sind zum einen die Ausführungen der Global Reporting Initiative zur Wesentlichkeitsanalyse, zum anderen die Vorgaben der CSR-Berichtspflicht. Letztere fordert von Unternehmen, die gesellschaftlichen Auswirkungen ihrer Geschäftstätigkeit zu bewerten.

Insbesondere berichtspflichtige Unternehmen stehen nun vor der Herausforderung, den gestiegenen Anforderungen vollumfänglich zu entsprechen. Für das Nachhaltigkeitsmanagement stellt sich die Frage, wie die Fokussierung auf wesentliche Themen – und damit auch die Auslassung nachrangiger Themen – nachvollziehbar begründet werden kann.

In drei aufeinander folgenden Blogbeiträgen werden wir zentrale Inhalte des aktuellen Scholz & Friends Reputation White Paper „Impact-Bewertungen und Materialität – neue Anforderungen und Ansätze für Wesentlichkeitsanalysen“ vorstellen. Der dritte Beitrag befasst sich mit verschiedenen Ansätzen der Wirkungsmessung (Impact Measurement).

Impact Measurement: You cannot manage, what you don’t measure.

Scholz & Friends Reputation Beitragsreihe „Impact-Bewertungen und Materialität“ (3/3)

„Impact Valuation has recently gained momentum […] There is increasing interest of stakeholders such as the financial sector, rating agencies, reporting bodies, civil society, and public authorities“[1]

Das Bewerten und Messen von Auswirkungen ist in den Fokus der Unternehmen gerückt. Ein Treiber dieser Entwicklung ist der internationale Finanzmarkt. Insbesondere nachhaltigkeitsorientierte Investoren wollen einschätzen können, zu welchen positiven und negativen Auswirkungen sie mit einem Investment beitragen.[2]

„Just as financial performance analysis is essential for companies to inform their strategies and decision-making, measuring the social and environmental impact of a company is becoming relevant with higher accountability and transparency demands from investors, consumers, governments and internal management itself“[3]

Verantwortungsvolles Investieren wird dabei nicht als neue Anlagenklasse gesehen, sondern hat sich zu einer Erweiterung des herkömmlichen Investmentprozesses entwickelt.[4] Davon zeugt auch, dass das „Impact Measurement“ Eingang in Ratings findet. So fließt das Kriterium „Impact Measurement & Valuation“ seit 2016 in die Performancebewertung des Dow Jones Sustainability Index ein. Über dieses wird überprüft, inwieweit Unternehmen sich mit ihren Auswirkungen beschäftigen und diese messen. Bereits 2017 wurde dieses Kriterium für 57 von 60 Branchen angewendet.[5]

„There is increasing momentum and companies are recognizing the importance of moving beyond measuring outputs and understanding not only the financial value, but also the social and environmental value they deliver. Through these questions, we recognize and reward leadership in this emerging area.“[6]

Auch jenseits des Finanzmarktes setzt sich der Trend zur Impact-Bewertung fort. Die Unternehmen selbst befassen sich verstärkt mit dem Messen von Auswirkungen und nutzen ihre Nachhaltigkeitsberichterstattung, um über die Auswirkungen ihrer Geschäftstätigkeit zu berichten.[7]

Die CSR-Berichtspflicht als Treiber für Impact-Bewertungen

In diesen allgemeinen Trend fällt die Umsetzung der CSR-Berichtspflicht in Europa. Diese dürfte die Entwicklung weiter vorantreiben. Schließlich führt das CSR-Richtlinienumsetzungsgesetz (CSR-RUG) in Deutschland aktuell zum Beispiel dazu, dass zahlreiche Unternehmen, die bisher keine Nachhaltigkeitsberichterstattung betreiben, sich nun erstmals mit ihrer Nachhaltigkeitsstrategie befassen müssen. Eine entscheidende Frage für Aufwand und Ausrichtung: Welche Themen sind für ein Unternehmen wesentlich?

Auch beim CSR-RUG spielen die Auswirkungen eines Unternehmens eine zentrale Rolle. Das Gesetz spricht von „Auswirkungen auf die Aspekte“, über die zu berichten sei. Dabei sind mit Aspekten u. a. Umwelt-, gesellschaftlich-soziale sowie Mitarbeiterbelange, also klassische Themenfelder von Nachhaltigkeit, gemeint.[10] In den EU-Leitlinien zur CSR-Berichtspflicht wird zudem ausgeführt, dass eine Betrachtung dieser Auswirkungen elementarer Bestandteil einer Wesentlichkeitsanalyse ist.[11]

Das Verständnis der Auswirkungen nach GRI weist große Gemeinsamkeiten mit der Wesentlichkeitsdefinition nach § 289c Abs. 3 Satz 1 HGB auf.[12] Allerdings kennt das CSR-RUG, im Gegensatz zu GRI, neben den Auswirkungen nicht die Stakeholder-Relevanz als zweite Dimension der Wesentlichkeitsanalyse. Stattdessen soll bewertet werden, inwieweit eine nichtfinanzielle Information erforderlich für das Verständnis von Geschäftsverlauf, Geschäftsergebnis und Lage des Unternehmens ist. Diese beiden die Dimension der Auswirkungen ergänzenden Ansätze – Stakeholder-Relevanz bei GRI und Geschäftsrelevanz laut HGB – sind inhaltlich nicht deckungsgleich, haben jedoch Überschneidungen. Zudem fordert das CSR-RUG zu einer Berichterstattung nach anerkannten Standards auf, zu denen die GRI-Standards zweifelsfrei gehören.

Berichtspflichtige Unternehmen stehen also vor der Herausforderung, die Wesentlichkeit von Themen in letztlich drei Dimensionen ermitteln zu müssen, um sowohl die GRI-Anforderungen als auch die CSR-Berichtspflicht zu erfüllen. Auf den ersten Blick wird die Komplexität der Wesentlichkeitsanalyse so noch weiter erhöht. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass eine Wesentlichkeitsanalyse gemäß GRI in den meisten Fällen mehr wesentliche Themen identifiziert, als nach dem CSR-RUG erforderlich wären. Die Perspektive verschiedener Stakeholder-Gruppen führt in der Regel zu einer deutlich größeren Bandbreite an Themen, welche nicht ausschließlich diejenigen Aspekte umfasst, die einen wesentlichen Einfluss auf das Geschäftsergebnis haben.

Quantitative Ansätze zur Impact-Bewertung

Ob von der Berichtspflicht betroffen oder nicht, Unternehmen stehen vor der Herausforderung, die vielfältigen Auswirkungen der Unternehmenstätigkeit bei der Durchführung von Wesentlichkeitsanalysen zu berücksichtigen. Dies wirft die Frage auf, wie das Ausmaß einer Auswirkung ermittelt werden kann. Hierfür wurden verschiedene Ansätze entwickelt. Eine Möglichkeit besteht darin, wissenschaftlich vorzugehen und die Auswirkungen der Geschäftstätigkeit auf die Wirtschaft, die Umwelt und die Gesellschaft zu quantifizieren, gegebenenfalls sogar zu monetarisieren. Dabei werden externe Effekte identifiziert und als externe Kosten oder sozialer Nutzen ausgewiesen.

Die Internationale Organisation für Normung (ISO) entwickelt derzeit zwei neue Standards zur Quantifizierung von Umweltauswirkungen. Mithilfe des Standards ISO 14007 sollen Organisationen in die Lage versetzt werden, Umweltkosten und -nutzen, die sich aus ihrer Geschäftstätigkeit ergeben, zu beziffern.[13] Ende 2018 soll darüber hinaus der ISO 14008 Standard Hilfestellung bei der Monetarisierung von Umweltauswirkungen bieten.[14]

Daneben gibt es eine ganze Reihe von Ansätzen, die sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit der Bewertung von gesellschaftlichen Auswirkungen befassen. In Anlehnung an die Kapitalrendite (Return on Investment: ROI) wird bei der gesellschaftlichen Rendite (Social Return on Investment: SROI) eines Projekts die Summe aller monetarisierten Einflüsse auf die Gesellschaft ins Verhältnis zur gesamten Investitionssumme gesetzt. So wird dargestellt, welchen positiven Effekt eine Investition herbeigeführt hat. Projekte werden über den erzeugten Wirkungswert pro investierten Euro vergleichbar.[15] Während sich dieser Ansatz vor allem für eine Erfolgsmessung gemeinnütziger Projekte eignet, sind andere Ansätze darauf ausgerichtet, sowohl positive als auch negative Effekte des Unternehmenshandelns zu erfassen und durch Verrechnung dieser Einflüsse einen „True Value“[16] oder „True Price“[17] auszuweisen.

Abb. 1. Kerings EP&L-Ergebnisse 2014[18]

Einen sehr weitgehenden Ansatz verfolgt das Luxusartikelunternehmen Kering mit seinem „Environmental Profit & Loss Accounting“ (EP&L).[19] Dabei wird für zentrale Produktmarken in einem ersten Schritt die gesamte Wertschöpfungskette abgebildet – von der Produktion von Rohmaterialien wie Metallen oder Leder bis hin zum Verkauf in den Geschäften. Entlang dieser Wertschöpfungskette werden dann die Input- und Output-Faktoren, wie bspw. Energie, Wasser, Landnutzung oder Klimagasemissionen, identifiziert und ermittelt. Anschließend erfolgt eine Umrechnung in Geldwerte für sechs definierte Umweltfaktoren auf jeder Wertschöpfungsstufe. So entsteht eine Matrix (Abb. 1), aus der sich die Intensität der Auswirkungen ablesen lässt und die eine wissenschaftlich fundierte Aussage darüber erlaubt, wo die stärksten Auswirkungen der Geschäftstätigkeit von Kering liegen und damit auch, wo der größte Hebel für Veränderungen liegt.

Die deutsche Otto Group hat ebenfalls eine sehr tiefgehende Analyse vorgenommen, eine Quantifizierung ihrer Auswirkungen simuliert und das Ergebnis der Berechnungen in eine Wesentlichkeitsanalyse überführt. Für die Bewertung der Auswirkungen wurden fünf verschiedene Wirkungskategorien auf vier Wertschöpfungsstufen analysiert. Die Bewertung erfolgte als Simulation mithilfe von Input-Output-Modellen unter Nutzung von Einkaufsdaten.[20] Für Umweltfaktoren erfolgte anschließend eine Monetarisierung der „Schadwirkungen“, soziale Risiken wurden in Risiko-Arbeitsstunden errechnet. Die so erstellte Wesentlichkeitsmatrix ist in Abb. 2 dargestellt.

Abb. 2: Wesentlichkeitsmatrix der Otto Group[21]

Beide Ansätze betrachten ausschließlich negative Auswirkungen. Faktische oder potenzielle positive Auswirkungen des Unternehmenshandelns werden nicht berücksichtigt. Quantitative Ansätze lassen sich für viel mehr als lediglich für die Identifizierung von wesentlichen Themen nutzen. Sie bieten weitreichende Erkenntnisse für das strategische Nachhaltigkeitsmanagement. Einen guten Überblick über die unterschiedlichen Ansätze zur Messung von Wirkung bzw. zur Bewertung der Auswirkungen bietet die Publikation „Measuring socio-economic impact – A guide for business“ des WBCSD.[22]


Falls Sie mehr über dieses Thema erfahren möchten, können Sie unser White Paper „Impact-Bewertungen und Materialität – neue Anforderungen und Ansätze für Wesentlichkeitsanalysen“ kostenlos herunterladen.

Textverweise:

[1]   Impact Valuation Roundtable, 2017, S. 6.

[2]   Vgl. Business Call to Action/Global Reporting Initiative, 2016.

[3]   Rangan/Chase/Karim, 2015, o. S.

[4]   Vgl. Pape-Hamich, 2013.

[5]   Vgl. RobecoSAM AG, 2017.

[6]   RobecoSAM AG, 2016, S. 13.

[7]   Vgl. hierzu und zum Folgenden Business Call to Action/Global Reporting Initiative, 2016.

[8]   Vgl. World Business Council for Sustainable Development, 2013.

[9]   Vgl. Global Reporting Initiative, 2017.

[10]  Vgl. BT-Drucksache 18/11450 v. 08.03.2017.

[11]  Vgl. Europäische Kommission, 2017.

[12]  Vgl. hierzu und zum Folgenden Institut der Wirtschaftsprüfer, 2017.

[13]  Vgl. International Organization for Standardization, 2016.

[14]  Vgl. International Organization for Standardization, 2015.

[15]  Vgl. Wikipedia, 2016.

[16]  Vgl. KPMG International, 2014.

[17]  Vgl. True Price, 2017.

[18]  Kering Group, 2015, S. 6.

[19]  Vgl. hierzu und zum Folgenden Kering Group, 2017.

[20]  Vgl. hierzu und zum Folgenden Otto Group, 2015.

[21]  Otto Group, 2015, S. 18.

[22]  Vgl. World Business Council for Sustainable Development, 2013.

Quellen:

BT-Drucksache 18/11450 v. 08.03.2017. Beschlussempfehlung und Bericht des Ausschusses für Recht und Verbraucherschutz (6. Ausschuss).

Business Call to Action/Global Reporting Initiative. (2016) Measuring Impact: How Business Accelerates the Sustainable Development Goals. Abgerufen von https://www.globalreporting.org /resourcelibrary/Meassuring%20Impact_BCtA_GRI.pdf

Europäische Kommission. (2017) Communication from the Commission — Guidelines on non-financial reporting. Methodology for reporting non-financial information, C/2017/4234 (draft). Abgerufen von https://ec.europa.eu/transparency/regdoc/rep/3/2017/EN/C-2017-4234-F1-EN-MAIN-PART-1.PDF

Global Reporting Initiative. (2017) Insights from the GRI Corporate Leadership Group on Reporting 2025, Future Trends in Sustainability Reporting. Abgerufen von http://10458-presscdn-0-33.pagely.netdna-cdn.com/wp-content/uploads/2017/01/GRI-CLG_Report-Future Trends2025-v12.pdf

Impact Valuation Roundtable. (2017) Operationalizing Impact Valuation. Experiences and Recommendations by Participants of the Impact Valuation Roundtable. Beitrag der WBCSD Mitgliederversammlung, Montreux, Schweiz, März 2017. Abgerufen von http://docs.wbcsd.org/2017/05/IVR_Impact_Valuation_White_Paper.pdf

Institut der Wirtschaftsprüfer. (2017) Zukunft der Berichterstattung, Nachhaltigkeit. IDW Positionspapier: Pflichten und Zweifelsfragen zur nichtfinanziellen Erklärung als Bestandteil der Unternehmensführung. Abgerufen von https://www.idw.de/blob/101498/30d545
b52d2fcc5d71a 71035b8336a70/down-positionspapier-csr-data.pdf

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KPMG International. (2014) A New Vision of Value: Connecting corporate and societal value creation. Abgerufen von https://assets.kpmg.com/ content/dam/kpmg/pdf/2014/10/a-new-vision-of-value-v1.pdf

Otto Group. (2015) Unterwegs, Bericht zur Nachhaltigkeit unserer Wertschöpfung 2015. Abgerufen von https://www.ottogroup.com/
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Pape-Hamich, Solveig. (2013) ESG-Faktoren als Risikoindikatoren für Investoren von Unternehmensanleihen. Abgerufen von http://www.
portfolio-international.de/newsdetails/article/esg-faktoren-als-risikoindikatoren-fuer-investoren-von-unternehmensanleihen.html

Rangan, K./Chase, L./Karim, S. (2015) The Truth About CSR. In: Harvard Business Review, 93(1/2), 40–49.

RobecoSAM AG. (2016) 2016 RobecoSAM Corporate Sustainability Assessment – Annual Scoring. Abgerufen von http://www.robecosam.
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RobecoSAM AG. (2017) DJSI 2017 Review Results. Abgerufen von http://www.robecosam.com/images/review-presentation-2017.pdf

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