Unsere Weltgemeinschaft steht vor gewaltigen Aufgaben. Die planetaren ökologischen Belastungsgrenzen sind an vielen Stellen erreicht und teils überschritten. Die Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen zeigen auch im gesellschaftlichen Bereich die großen Aufgaben unserer Zeit. Um diese Herausforderungen effektiv anzugehen, vollziehen erste Pioniere momentan einen Paradigmenwechsel im unternehmerischen Nachhaltigkeitsmanagement. Der Schlüsselbegriff in dieser Debatte ist die Nettopositivität oder im Englischen Net Positivity.

Sustainability Mindset Shift: Auf dem Weg zur Nettopositivität

Vier verschiedene Herangehensweisen von Unternehmen lassen sich identifizieren, um mit den Herausforderungen einer nachhaltigen Entwicklung umzugehen. Immer weniger Unternehmen handeln nach dem Prinzip „Business as usual“ (1). Diese Dinosaurier richten ihr Handeln in gewohnter Manier allein nach betriebswirtschaftlichen, finanziellen Zielen aus. Jedoch haben gesellschaftliche Ansprüche, erkennbare negative Auswirkungen auf Gesellschaft und Umwelt sowie eine verstärkte Regulierung in den letzten Jahrzehnten dazu geführt, dass die meisten Unternehmen mittlerweile mehr als nur den kurzfristigen Shareholder Value im Blick haben.

Das Mindset der „Schadensverringerung“ (2) treibt Unternehmen an, die neben den finanziellen Zielen auch ökologische und soziale Anliegen verschiedener Stakeholder einbeziehen und deren Zielkonflikte im Blick behalten. Über den Aufbau von Managementansätzen inklusive Roadmaps und smarten KPIs initiieren sie Verbesserungen im sozialen und ökologischen Bereich und können etwa „umweltfreundliche“ Produkte als Erfolge vorweisen und auch am Markt positionieren.

Einen Schritt weiter gehen Unternehmen, die sich die Minimierung ihrer negativen Auswirkungen mit dem Ziel der Neutralität vornehmen. Die Wertschöpfung eines Unternehmens wird in dieser Phase deutlich ganzheitlicher betrachtet und die Unternehmenstätigkeit soll weder Menschen noch Planeten schaden. Ein aktuell sehr präsentes Beispiel sind verschiedenste Initiativen im Bereich der Klimaneutralität. Diese Phase ist geprägt durch das Mindset der „Schwarzen Null“ (3). Die Unternehmen wollen einerseits soziale, ökologische und wirtschaftliche Auswirkungen in Einklang bringen, erzeugen aber andererseits auch einen erhöhten bürokratischen Aufwand für das Controlling. Die Schwarze Null wird dann als glaubwürdig wahrgenommen, wenn sie durch Steuerungsinstrumente aktiv umgesetzt und auch messbar und damit nachweisbar wird. Teilweise werden Zertifizierungen und eine Auditierung durch Dritte eingebunden.

Die Vision einer positiven Wirkung auf Planet und Gesellschaft

Ein viertes Mindset zeigen nun neben ausgewiesenen „Social Businesses“ auch erste „Corporates“, die in ihrer Vision über die Eliminierung negativer Auswirkungen hinausgehen. Sie begreifen die gesellschaftlichen und ökologischen Herausforderungen als Marktchance und entwickeln ihr Geschäftsmodell dahingehend weiter. Ihre Vision ist es, Nettopositivität (4) zu erreichen – also der Gesellschaft und Umwelt mehr zu geben, als sie ihnen entnehmen. Oft sammeln Unternehmen Erfahrungen mit diesem Ansatz über Leuchtturmprojekte, aktuell insbesondere zu positiven Auswirkungen aufs Klima. Auch regenerative Ansätze der Kreislaufwirtschaft oder Initiativen zur Zahlung existenzsichernder Löhne werden mit dem Mindset der Nettopositivität entwickelt. Mittlerweile haben erste Unternehmen Nettopositivität in eine übergreifende Unternehmensvision übersetzt und als Werttreiber in ihre Geschäftsstrategie integriert. Dennoch muss Nettopositivität noch immer als eine Utopie für Unternehmertum in einer künftigen nachhaltigen Welt gesehen werden. Der Weg zur Nettopositivität und damit in die Zukunft lässt sich bereits heute näher beschreiben. Anhand veröffentlichter Unternehmensbeispiele lassen sich sechs Charakteristika dieses Weges identifizieren.

Nettopositivität in Unternehmen: Sechs Charakteristika

  1. Einbindung in die Unternehmensvision: Nettopositivität bestimmt die langfristige Unternehmensvision. Sie wird zum Orientierungspunkt für Management und Mitarbeitende. Die Unterstützung des C-Levels ist daher zwingend für den Erfolg.
  2. Prinzip der Wesentlichkeit: In der Umsetzung fokussiert Nettopositivität auf die jeweils wesentlichen Nachhaltigkeitsthemen. Zu diesen sollen positive Beiträge geleistet werden. Sonst fehlen der Vision glaubwürdige Belege.
  3. Hebung des Business Case: Gesellschaftliche Herausforderungen werden als Marktchance gesehen und proaktiv angegangen. Wird die Unternehmensvision in konkrete Werttreiber der Geschäftsstrategie überführt, kann Nettopositivität als Chancenplattform für das Unternehmen fungieren und die Zukunftsfähigkeit des Geschäftsmodells sichern.
  4. Systemischer Wandel: Nettopositivität erfordert neues Denken, andere Muster, geänderte Zielvorgaben. Ein transdisziplinäres Ökosystem für Nachhaltigkeit und Akteursgruppen-übergreifende Partnerschaften unterstützen diesen Wandel in Haltung und Handeln.
  5. Überschaubare, aber messbare Schritte: Das Ziel ist klar, der Weg zur Nettopositivität wird durch iterative Prozesse gezeichnet. Die Vision Nettopositivität braucht klare und operationalisierbare Meilensteine. Als erste Schritte können sich abgrenzbare Produktlinien, Testmärkte oder ein klarer Themenzuschnitt eignen.
  6. Innovation und Resilienz: Nettopositivität kann zum Innovationsmotor für ein Unternehmen werden. Neue Produkte und Dienstleistungen entstehen und unterstützen damit die eigene Zukunftsfähigkeit – und die unserer Gesellschaft.

Nettopositivität ist heute weniger ein konkretes Managementtool als eine Denkweise, die auf die Gestaltung einer positiven, nachhaltigen Zukunft ausgerichtet ist. Eine Übersetzung der Vision in konkrete Werttreiber für die Geschäftsstrategie wird in Zukunft entscheidend sein, um den Anspruch der Vision erfüllen zu können. Aber bereits der erforderliche Sustainability Mindset Shift und die ersten Leuchtturm-Projekte können Kreativität entfachen und nachhaltige Innovationen unterstützen. So kann das heute noch nicht Mögliche morgen möglich werden.

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Weiterführende Quellen

Dyllick, T. (2015): Die Suche nach echter Nachhaltigkeit. Neue Züricher Zeitung, 15.12.2015. Abgerufen von: https://www.nzz.ch/wirtschaft/wirtschaftspolitik/die-suche-nach-echter-nachhaltigkeit-1.18663657

Forum for the futures / WWF / The climate group (2014): NET POSITIVE. A new way of doing business. Abgerufen von:  https://www.theclimategroup.org/sites/default/files/archive/files/Net-Positive.pdf