Veränderte Rahmenbedingungen haben die Diskussion um den Wesentlichkeitsbegriff neu entfacht. Dabei rückt vor allem die Bewertung des eigenen Impacts in den Fokus der Unternehmen. Auslöser dieses Hypes sind zum einen die Ausführungen der Global Reporting Initiative zur Wesentlichkeitsanalyse, zum anderen die Vorgaben der CSR-Berichtspflicht. Letztere fordert von Unternehmen, die gesellschaftlichen Auswirkungen ihrer Geschäftstätigkeit zu bewerten.

Insbesondere berichtspflichtige Unternehmen stehen nun vor der Herausforderung, den gestiegenen Anforderungen vollumfänglich zu entsprechen. Für das Nachhaltigkeitsmanagement stellt sich die Frage, wie die Fokussierung auf wesentliche Themen – und damit auch die Auslassung nachrangiger Themen – nachvollziehbar begründet werden kann.

In drei aufeinander folgenden Blogbeiträgen werden wir zentrale Inhalte des aktuellen Scholz & Friends Reputation White Paper „Impact-Bewertungen und Materialität – neue Anforderungen und Ansätze für Wesentlichkeitsanalysen“ vorstellen. Der erste Beitrag befasst sich mit den unterschiedlichen Definitionen und gängigen Interpretationen des Wesentlichkeitsbegriffs.

 

Der Hype um Wesentlichkeit

Scholz & Friends Reputation Beitragsreihe „Impact-Bewertungen und Materialität“ (1/3)

Der Begriff der Wesentlichkeit steht für ein zentrales Element der Nachhaltigkeitsberichterstattung sowie des Nachhaltigkeitsmanagements von Unternehmen insgesamt. Häufig ebenfalls als „Materialität“ bezeichnet, entstammt dieser Wesentlichkeitsgrundsatz (engl. „Principle of Materiality“) ursprünglich der Finanzwelt, als angloamerikanisches Prinzip der Rechnungslegung. Per definitionem besagt dieses Prinzip, dass im Jahresabschluss all diejenigen Tatbestände offengelegt werden müssen, die aufgrund ihrer Größenordnung einen Einfluss auf das Jahresergebnis haben und wegen ihres Aussagewertes für die Stakeholder von Bedeutung, also wesentlich („materiell“) sind. [Vgl. Springer Gabler Verlag, 2017.]

„Information is material if its omission or misstatement could influence the economic decisions of users taken on the basis of the financial statement. Materiality depends on the size of the item or error judged in the particular circumstances of its omission or misstatement.“ [International Accounting Standards Board, 1989.]

Im Nachhaltigkeitsumfeld existieren unterschiedliche Definitionen des Wesentlichkeitsbegriffs von verschiedenen Institutionen. Einige wichtige Akteure werden im Folgenden kurz vorgestellt.

SASB

Das Sustainability Accounting Standards Board ist eine gemeinnützige Organisation, die aus der Initiative for Responsible Investment (IRI), einem Forschungsprojekt der Harvard-Universität zum Thema Materialität, entstanden ist. Ziel des SASB ist die Entwicklung und Verbreitung von Rechnungslegungsstandards zur Nachhaltigkeit, um Unternehmen in der Veröffentlichung von wesentlichen Informationen für Investoren zu unterstützen. Im Fokus steht die Shareholder-Perspektive, weshalb die Wesentlichkeitsdefinition des SASB auf der Definition der amerikanischen Börsenaufsicht (U.S. SEC) basiert: „SASB applies the definition of “materiality” under the U.S. securities laws.“ [Sustainability Accounting Standards Board, 2017.]

GISR

Die Global Initiative for Sustainability Ratings ist eine nichtkommerzielle Initiative mit dem Ziel, einen Nachhaltigkeitsrating-Standard für Unternehmen zu schaffen. Im Fokus der Wesentlichkeitsdefinition der GISR stehen die Interessen der jeweiligen Stakeholder, für welche ein Rating erstellt werden soll: „A rating should assess performance based on sustainability issues relevant to the decision-making of stakeholders for which a rating is designed.“ [Global Initiative for Sustainability Ratings, 2015.]

IIRC

Der International Integrated Reporting Council ist ein globaler Non-Profit-Zusammenschluss von Gesetzgebern, Investoren, Unternehmen, Standardorganisationen, Experten der Rechnungslegung und NGOs. Die Leitlinien zur integrierten Berichterstattung geben Empfehlungen, wie in Geschäftsberichten die klassische Finanzberichterstattung mit nichtfinanziellen Berichtselementen kombiniert werden kann. Auch im <IR> Framework spielen harte finanzielle Faktoren eine Rolle, allerdings ist durch den Begriff des „value“, also des Wertes, den ein Unternehmen für sich oder andere Stakeholder erzeugt, die Definition dessen, was einen solchen Wert ausmacht, offengehalten und kann nur durch das Unternehmen und dessen Geschäftsmodell selbst bestimmt werden.

Die zentrale Frage der Wesentlichkeitsdefinition des IIRC ist, ob sich ein Nachhaltigkeitsaspekt positiv oder negativ auf die Fähigkeit des Unternehmens auswirkt, seine spezifischen Werte kurz-, mittel- oder langfristig zu erzeugen. [Vgl. International Federation of Accountants, 2015.]

GRI

Die Global Reporting Initiative ist eine internationale Non-Profit-Organisation, deren Leitlinien zur Nachhaltigkeitsberichterstattung das meistgenutzte Rahmenwerk und damit den weltweiten De-facto-Standard darstellen. Seit der ersten Version der Leitlinien im Jahr 2000 wurde der Standard bereits von über 10.900 Organisationen angewendet. [Vgl. Global Reporting Initiative, 2017.] Das Konzept der Wesentlichkeit wurde erstmals im Jahr 2006 mit den G3- resp. G3.1-Leitlinien aufgegriffen. Gemäß GRI wird die Wesentlichkeit von Themen durch zwei Dimensionen definiert: durch die Bedeutung aus der Stakeholder-Perspektive sowie durch die Betrachtung der Auswirkungen des Unternehmenshandelns (engl. „impacts“).

„The report shall cover topics that: reflect the reporting organization’s significant economic, environmental, and social impacts; or substantively influence the assessments and decisions of stakeholders.“ [Global Reporting Initiative, 2016, S. 10.]

Das Ergebnis der Wesentlichkeitsanalyse, also der Bewertung beider Dimensionen, wird üblicherweise in Form einer Wesentlichkeitsmatrix dargestellt, wie Abb. 1 beispielhaft zeigt. Auch wenn mit den G4-Leitlinien der Wesentlichkeitsgrundsatz stärker in den Fokus rückte und das Konzept mit Erscheinen der GRI-Standards im Jahr 2016 noch einmal deutlich präzisiert wurde, ist die Wesentlichkeitsdefinition von GRI im Kern unverändert geblieben. Dies zeigen die Achsenbeschriftungen der beispielhaften Wesentlichkeitsmatrizen in Abb. 1.

Abb. 1: Beispielhafte Wesentlichkeitsmatrizen aus den GRI-Leitlinien G3.1 bis GRI Standards.

DNK

Der Deutsche Nachhaltigkeitskodex ist ein international anwendungsfähiger Berichtsstandard für Nachhaltigkeitsaspekte. Der Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) hat den DNK 2011 nach einem vorgelagerten, umfassenden Stakeholderprozess beschlossen. Für eine DNK-Entsprechenserklärung ist das Wesentlichkeitsprinzip in der Weise anzuwenden, dass zu den einzelnen DNK-Kriterien jeweils diejenigen Angaben zu machen sind, die für das Verständnis der Geschäftstätigkeit des Unternehmens und der Auswirkungen der Geschäftstätigkeit auf die einzelnen Nachhaltigkeitsaspekte erforderlich sind.

Wenngleich sich die einzelnen Wesentlichkeitsdefinitionen der vorgestellten Rahmenwerke unterscheiden und noch zahlreiche weitere existieren, so haben sie doch eine zentrale Gemeinsamkeit. Gegenüber der klassischen Definition aus der Finanzwelt ist die Definition dessen, was im Nachhaltigkeitskontext wesentlich ist, deutlich weiter gefasst und schließt nicht nur Faktoren mit ein, die sich unmittelbar auf die finanzielle Performance eines Unternehmens niederschlagen.

Ziel aller Ansätze ist letztlich die Fokussierung auf das wirklich Bedeutsame und Wirksame. Dies ist insofern wichtig, als dass eine schwache Fokussierung dazu führt, dass sich ein Unternehmen mit zu vielen und den falschen – also nicht wesentlichen – Themen befasst. Dies wiederum mündet in zu langen, schlecht lesbaren und teuren Nachhaltigkeitsberichten, wie die Studie „See Change: How Transparency Drives Performance“ von SustainAbility analysiert. [Vgl. hierzu und zum Folgenden SustainAbility Inc., 2014.] Als Folge sind Unternehmen zu sehr mit dem Berichtsprozess beschäftigt und es fehlt die Zeit, die aufwändig erhobenen Informationen strategisch zu nutzen. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass Berichte durch eine Fokussierung auf die wichtigsten Themen präziser, effektiver und relevanter für die Unternehmensstrategie werden. Die von SustainAbility durchgeführte Studie sieht sogar einen Zusammenhang zwischen der Fokussierung auf wesentliche Themen und der Wahrscheinlichkeit, dass eine transparente Berichterstattung zu einer positiven Veränderung der Nachhaltigkeitsperformance führt.

 

Falls Sie mehr über dieses Thema erfahren möchten, können Sie unser White Paper „Impact-Bewertungen und Materialität – neue Anforderungen und Ansätze für Wesentlichkeitsanalysen“ kostenlos herunterladen.

Quellen:

Global Initiative for Sustainability Ratings. (2015) GISR’S 12 Principles of the CORE Framework. Abgerufen von http://ratesustainability.org /wp-content/uploads/2015/07/ GISR_CORE_Framework12Principles.pdf

Global Reporting Initiative. (2016). GRI 101: Foundation 2016. Abgerufen von https://www.globalreporting.org/standards/media/1036/gri-101-foundation-2016.pdf

Global Reporting Initiative. (2017) Sustainability Disclosure Database. Abgerufen von http://database.globalreporting.org, 24.07.2017.

International Accounting Standards Board. (1989) Framework for the Preparation and Presentation of Financial Statements.

International Federation of Accountants. (2015) Materiality in Integrated Reporting, Guidance for the Preparation of Integrated Reports. Abgerufen von https://www.ifac.org/publications-resources/materiality-integrated-reporting

Springer Gabler Verlag. (2017) Gabler Wirtschaftslexikon, Stichwort: Materiality. Abgerufen von http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/127630/materiality-v12.html, 20.07.2017.

Sustainability Accounting Standards Board. (24.07.2017) Materiality: Why is it important? Abgerufen von https://www.sasb.org/materiality/important/

SustainAbility Inc. (2014) See Change: How Transparency Drives Performance. Abgerufen von http://10458-presscdn-0-33.pagely.netdna-cdn.com/wp-content/uploads/2016/07/see_change _how_transparency_drives_performance.pdf