In drei Beiträgen werden hier Erfahrungen einer Feldreise nach Indien zu Baumwollverarbeitung und -anbau veröffentlicht. Teil 3 befasst sich mit Sozial- und Arbeitsstandards in verarbeitenden Betrieben.

 

Internationale Standards: Notwendig, aber nicht ausreichend.

Viele Nachhaltigkeitsaspekte im Textilbereich werden durch internationale Rahmenwerke vorgegeben. Derzeit kann als „bester“ Nachhaltigkeitsstandard die Verbindung aus GOTS (Global Organic Textile Standard, Schwerpunkt: ökologischer Anbau, Umweltauswirkungen) und Fair Trade (Schwerpunkt: Arbeits- und Sozialstandards, Geschäftsmodelle) angesehen werden. Für die Sicherstellung der Standards muss sich jeder Partner innerhalb der Wertschöpfungskette auf die Einhaltung von Vorgaben verpflichten. Zugleich sollte diese Einhaltung überprüft werden oder zumindest überprüft werden können.

Auch bei konventioneller Baumwolle verlangen Handelspartner in der Regel Bestätigungen über die Einhaltung von Qualitäts-, Umwelt-, Sicherheits- und sozialen Mindeststandards. Die Überprüfung ist die Achillesferse der Zertifizierungssysteme. Denn Risiken ergeben sich, wenn Umfang, Tiefe und Regelmäßigkeit der Überprüfung unzureichend sind. Und bei oft Tausenden von Zulieferbetrieben entstehen hier Herausforderungen, denen ein klassisches Handelsunternehmen nicht gewachsen sein kann.

 

Strukturen und Prozesse müssen in den Produktionsstätten eingeführt werden.

Abb. 1: Strukturen und Prozesse müssen in den Produktionsstätten eingeführt werden.

Für nachhaltige Baumwollprodukte sind nicht nur die Anforderungen an Produkt und Produktion höher, auch Dokumentation und Kontrolle erfolgen intensiver. Ein Blick in die Vorgaben von GOTS und Fairtrade zeigt die Erwartungen, die global für alle Partner gelten. Ein Defizit haben alle internationalen Standards: Sie berücksichtigen nicht – oder nur in geringem Maße – die spezifische Situation der Menschen vor Ort, ihre Lebensbedingungen, ihre kulturellen und religiösen Traditionen. Der blinde Fleck globaler Standards liegt da, wo Fehlentwicklungen ihre lokale Wurzel haben.

 

Sumangali-Prinzip: Traditionen befördern Zwangsarbeit

Ein Beispiel ist das Sumangali-Prinzip, das im zwar verbotenen, aber immer noch weit verbreiteten Mitgiftsystem verwurzelt ist. Sumangali bedeutet etwa „Glückliche Braut“ und das ebenfalls offiziell verbotene Prinzip ist gerade in den Spinnereien Südindiens weit verbreitet: Eltern aus ländlichen Dörfern überlassen ihre Mädchen für mehrere Jahre einem Spinnereibetreiber. Diese leben und arbeiten dann in deren Fabriken für einen sehr geringen Lohn. Oft ohne Vertrag, verknüpft mit Ausnutzung und Missbrauch der Situation: Lange Arbeitszeiten, Ausgeh- und Kontaktverbote. Am Ende dieser Arbeitsjahre erhalten die Eltern einen „Bonus“, über den sie die Heirat ihrer Tochter finanzieren können. Selbst wenn sie fliehen wollen, stecken die Mädchen in einem Dilemma. Denn ihre Eltern sind vom versprochenen Geld abhängig. Innerhalb ihrer Lebenswirklichkeit sehen sie keine Alternative.

 

Junge Arbeiterinnen sollen durch Ausbildungsschritte eine berufliche Perspektive bekommen.

Abb. 2: Junge Arbeiterinnen sollen durch Ausbildungsschritte eine berufliche Perspektive bekommen.

Bei meiner Feldreise mit der Good Textiles Foundation konnte ich auch positive Vorgehensweisen kennenlernen: Fabriken setzen ein Mindestalter für Arbeiterinnen von 18 Jahren fest – anstelle der in Indien festgelegten Altersgrenze von 16. Es werden Verträge aufgesetzt, in denen die Arbeitszeiten und ausbildungsähnliche Lernabläufe festgelegt sind. Wenn die Anwerbung der jungen Frauen auf einen geringen Umkreis um eine Spinnerei begrenzt wird, bleibt deren Kontakt zum familiären Umfeld bestehen. Einige Spinnereien zahlen zudem regelmäßige Heimfahrten.

 

Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz

Für jedes Textil-Unternehmen muss die Arbeitssicherheit in Produktionsstätten ganz oben auf der Liste der Vorgaben stehen. Bei eigenen ist die Umsetzung von Standards in der Regel selbstverständlich und auch eher unproblematisch. Doch auch bei Lieferanten sind die Erwartungen von Politik und Zivilgesellschaft mehr als deutlich. Zur Vereinheitlichung von Sicherheits- und Brandschutzmaßnahmen müssen klare Vorgaben gemacht werden. Damit die Umsetzung gelingt braucht es die Strukturen für das Management. Ein dritter Faktor ist das Bewusstsein der Mitarbeitenden wie auch der Führungskräfte, welche Bedeutung Regeln und Maßnahmen haben. Gerade Maßnahmen im Unfall- und Gesundheitsschutz vervielfachen ihre Wirkung durch die aktive Einbindung von Menschen.

Auch indische Nähereien setzen inzwischen auf ergonomisch gestaltete Arbeitsplätze. Das Anheben schwerer Stoffe soll möglichst vermieden werden. In einem besuchten Großbetrieb waren in den zentralen Bereichen Ersthelferinnen und Ersthelfer durch ein Rote-Kreuz-Symbol auf ihren Kitteln sofort zu erkennen. Als Ansprechpartner innerhalb der Belegschaft sorgen sie dafür, dass Gesundheit in das Bewusstsein der Menschen rückt.

 

Falls etwas passiert - die Ersthelferin als Ansprechpartnerin im Gesundheitsschutz.

Abb. 3: Falls etwas passiert – die Ersthelferin als Ansprechpartnerin im Gesundheitsschutz.

 

Die Perspektive der Arbeitenden stärken

Keine Frage, einige der hier dargestellten Ansätze aus der Praxis in Indien zeigen deutliche Verbesserungen. Dennoch spiegeln sie ein sehr patriarchales Bild des Unternehmers. Auch verhindern sie nicht, dass illegale Mechanismen wie die Mitgift für Bräute in der Gesellschaft weitergeführt werden. Dennoch: Sie schaffen aus Sicht der ländlichen Familien wie auch der Arbeiterinnen eine deutlich positive Veränderung.

Offen bleibt für mich die Frage, wie Arbeiterinnen ihren Interessen innerhalb der Fabriken eine lautere Stimme geben können. Durch unsere westliche Brille gesehen, ist Vieles vorstellbar und sinnvoll. Aber ohne die kulturellen Gegebenheiten zu kennen – Erwartungen an Geschlechterrollen, an Dialogverhalten, an den Umgang mit Konflikten, an Hierarchien – werden Maßnahmen verpuffen. Die indische Gesellschaft entwickelt aktuell eine kaum zu überblickende Dynamik, nicht nur in der Wirtschaft, auch in der Zivilgesellschaft und bei der Diskussion gesellschaftlicher Werte. Und meine kleinen Einblicke in Spinnereien, Webereien, Nähereien zeigten diese positiven Seiten gesellschaftlichen Wandels.

Denn die Veränderungen in den Fabriken der indischen Textilindustrie müssen im Inneren erfolgen. Von Außen können wir durchaus sinnvolle Anregungen und Impulse geben. Aber den größten Hebel haben wir, wenn wir als Verbraucher für nachweislich umweltfreundlich und sozialverträglich hergestellte Textil-Produkte einen angemessenen Preis zahlen.

 

Arbeitsplatz einer Näherin. Wie steht es zum Beispiel um Ergonomie, Brandschutz, Arbeitszeiten, Versammlungsfreiheit?

Abb. 4: Arbeitsplatz einer Näherin. Wie steht es zum Beispiel um Ergonomie, Brandschutz, Arbeitszeiten, Versammlungsfreiheit?

 

Im Dezember 2017 organisierte die niederländische Good Textiles Foundation (www.goodtextiles.org) für eine kleine Gruppe an Unterstützern nachhaltiger Wertschöpfungsketten im Textilbereich eine Feldreise zu indischen Baumwollkleinbauern und Fabrikationsstätten. In drei Beiträgen werden hier Erfahrungen und Erkenntnisse veröffentlicht. Teil 3 befasst sich mit Sozial- und Arbeitsstandards in verarbeitenden Betrieben.

Einen ausführlichen Einblick in die Arbeit der Good Textiles Foundation gibt es in diesem Videobeitrag.